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100 Gedichte

von Reinhard Keller          

            
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100 Gedichte

Dieser Gedichtband ist anlässlich unseres 100. Jubiläums in einer limitierten Ausgabe von nur 100 Exemplaren erschienen. Er kann im Sekretariat für 5,-€ erworben werden.

 

Über Lyrik

oder

In eigener Sache

Dicht

Brechts Liebeslyrik

Zusammengerührt

Meister des Sonetts

Zum Beispiel Gernhardt

Sprachgeburten

Der Hofnarr

An Heine

Auf dein Wohl!

Erinnert

Hinter die Karten gesehen

Form und Inhalt

(Dornburg)

Paradox

Postmodern

Menschliches

Bestätigung

Körperpflege

Gerechtigkeit am Morgen

Gesprächsstoff

Dualistisches Erkenntnisproblem

Gründe

Mondfinsternis

Am Ziel

Woher der Wind weht

Beschränkt

Die Suche nach dem Paradies

Nette Gesellschaft

Arbeit

Reisen

Fernweh

Volterra

Pisa

Venedig

Wallhausen

Viel gereist

Neue Zeiten

Ins Gästebuch

Sagenhaft

Odysseus und die Sirenen

Prometheus

Der Gürtel der Venus

Die Kraniche des Ibykus

Teiresias

Voluptas

Natur

Kleiner Trost bei schlechtem Wetter

Ist Herbst

Des Frühjahrs Freuden

Das Blatt

Wolken

Hortensie

Der Spatz

Herbstgedicht

Schneeflocken

Mehr Schneeflocken

Am Starnberger See (Dezember 2005)

Frühling

Die Birke

Der Frosch

Licht

Befreiung

Jahreskreis

Sonnenaufgangsstimmung

Philosophisches

Zum Vorurteil

Zum Licht

Verwandtschaft

Ein Wort zu Kant

Kantkrise

Wenn die Tiefe fehlt

Evidenz

An Nietzsche

Sorgen

Das Haus des Seins

Standortzweifel

Freies Schaffen

Logik

Digitale Hermeneutik

Sinnsuche

Willensfreiheit

Zum Stellenwert des sprachlichen Zeichens

Zur Religion

Gartenethik

Kälte

Beinahe Liebeslyrik

Misslungen

Wieder misslungen

Eros’ Pfeile

Physikalisches

Druck

Wolkenlos

Romantische Erfüllungsscheu

Ohne Inhalt

Kennst du den Ort, wo leere Worte blühn…

Wenn Wichtiges ich hab’ zu sagen…

Gefallen willst du mit Gedichten…

Das Nichts willst du erneut beschwören…

Ich will nicht jammern und nicht klagen…

Es ist bekannt längst weit und breit…

Noch kannst vom Inhalt du nichts ahnen…

Der Rede Sinn ist oft nicht leicht…

Humboldt hat es schon gesehen…

 „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“

 

 

 

 

Über Lyrik

 

 

Über Lyrik

oder

In eigener Sache

 

 

 

 

 

Dicht

 

Für’s Gedicht

da gilt ganz schlicht:

Was nicht dicht,

ist Dichtung nicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Brechts Liebeslyrik

 

Geliebten hast Gedichte du geschrieben,

was auch für uns ist heute gar nicht schlecht,

weil deine Lyrik wir zu lesen lieben.

Wir danken dir ganz herzlich, Bertolt Brecht.

 

Doch sollten wir die Frauen nicht vergessen,

die nicht nur dich zum Schreiben so gebracht

und deren Leistung meist nicht angemessen

mit wohlverdientem Lobe wird bedacht.

 

An sie beim Lesen muss ich manchmal denken,

die nicht allein so manche Nacht verbracht,

als Musen ihre Liebe dir zu schenken,

und dann am Tag dir Texte noch erdacht.

 

Für sie, die außerordentlich begabt,

zu schreiben, du hast doppelt Grund gehabt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zusammengerührt

 

Mit Poesie willst du ihr schwören,

dass du sie liebst, willst sie betören.

Doch musst du solche Köstlichkeiten

zuvor mit Sorgfalt zubereiten.

Und soll die Speise dann wohl munden,

musst das Rezept genau erkunden.

Was brauch ich denn? hör ich dich fragen,

es ist ganz leicht, kann ich dir sagen:

 

Nimm Liebe, Leid und Abschiedsküsse,

auch Freude, Lust - welche Genüsse -,

dazu noch eine Sehnsuchtsprise,

auf dass das Herz ihr überfließe.

Die Sehnsucht würzt man dann auch gerne,

- doch wohldosiert - mit etwas Ferne.

Das alles sollt’ sie dann bezwingen,

es muss nur schön und lieblich klingen.

 

Geschickt bringst du mit diesen Sachen

zum Weinen sie oder zum Lachen.

Das kann nicht ohne Wirkung bleiben,

wird auf die Wangen Röte treiben

und dann, wie ich es dir beschrieben,

wird sie sich wohl in dich verlieben.

Nun pass gut auf, auf welche Weise

daraus nun wird konkret die Speise:

 

Die Verse reimst du erst hochwertig,

rührst dreimal um, der Brei ist fertig.

Jetzt hast du wohl genug geschuftet,

hast es geschafft - o wie das duftet!

Nun schnell sie noch probieren lassen,

doch ihr wird schlecht – ist nicht zu fassen.

Das mit der Lyrik lässt du sein,

wirfst weg den Brei und bleibst allein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Meister des Sonetts

 

In stolzen Palästen Palermos entstanden,

von Dante, Petrarca zur Blüte gebracht,

wo einst sich Gedanke und Schönheit verbanden,

die klare Struktur des Sonetts war erdacht.

 

Die reichlich durch Shakespeare noch Früchte getragen,

die streng er zur englischen Form hat geführt,

nicht ohne ironische Spielchen zu wagen,

wofür ihm besondere Achtung gebührt.

 

Noch andre sind Meister der Form dann gewesen,

die Schönheit gepriesen und schaffend vermehrt.

Bei allen ist viel über Liebe zu lesen,

in klingenden Jamben so kunstvoll verehrt.

 

Und wollte auch ich zu den Meistern mich zählen,

so sollt’ ich das übliche Versmaß wohl wählen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zum Beispiel Gernhardt

 

So mancher mag’s und möchte es nicht missen,

wie nur zum Beispiel: Schlegel, Becher, Goethe.

Bei Robert Gernhardt sorgt’s für Zornesröte,

dass „dumpfen Scheiß“ er’s nennt und auch „beschissen“.

 

Und dennoch kann er’s selber wohl nicht lassen,

obgleich „rigide“, schreibt er doch Sonette,

gekonnt und gar nicht schlecht, so dass ich wette:

Er kann gewiss die „enge“ Form nicht hassen.

 

Und wo er Ernst im Umgang sucht zu meiden,

um mit des Spottes Pfeil darauf zu zielen,

ironisch seine Form zu persiflieren,

 

scheint doch die Form darunter nicht zu leiden,

scheint kunstvoll mit dem Autor gar zu spielen,

humorvoll blinzelnd muss er’s akzeptieren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sprachgeburten

 

Bei ihr sich oft die Dichter tummeln,

ein jeder klar in dem Bestreben,

sie zu bedrängen, zu befummeln,

dass sie auch ihm soll hin sich geben.

 

So kreisen um sie ganze Scharen,

von Romanciers zu Minnesängern,

die sich erfolgreich wollen paaren,

mit ihrem Samen sie zu schwängern.

 

Geduldig lässt sie sie gewähren,

die ganz naiv zu glauben scheinen,

sie könnten Kunst mal kurz vermehren,

wenn sie mit Sprache sich vereinen.

 

Doch alles nicht, was dann geboren,

scheint auch zu hoher Kunst erkoren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Hofnarr

 

Er darf hier vieles kommentieren,

darf kritisieren, merken an,

darf meckern, nölen, lamentieren,

darf alles, was er will und kann.

 

Solang hier alles bleibt beim Alten,

solang das alles bleibt verbal,

so lang den Mund er muss nicht halten,

so lang er darf das tausendmal.

 

Doch sollte etwas Wirkung zeigen

von dem, was er zum Besten gibt,

so sollt’ vielleicht er besser schweigen,

zu bleiben weiterhin beliebt.

 

Solange harmlos, unbestritten

bleibt hier der Hofnarr wohlgelitten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

An Heine[1]

 

Die Flügel des Gesanges,

sie tragen keinen mehr fort,

nicht zu den Fluren des Ganges

und keinem anderen Ort.

 

Du kanntest die ganze Misere:

Gesänge schaffen es kaum,

zu überwinden die Schwere -

was bringt schon ein seliger Traum?

 

Wir können die Welt jetzt umrunden,

doch leiden an Sehnsucht noch viel

und haben den Ort nicht gefunden,

aus deinem lyrischen Spiel.

 

Wo immer wir auch landen

und suchen mit viel Geduld,

ist nie dieser Ort vorhanden,

und das ist auch deine Schuld.

 

Den Märchen tief misstrauend,

du setztest dich zur Wehr,

und auf Vernunft mehr bauend,

wir glauben an sie nicht mehr.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf dein Wohl!

 

Hab lange nun mit mir gerungen,

ergebnislos, total verrückt:

Zu Heine ist mir nichts gelungen,

kein einzig Wort ist mir geglückt.

 

So locke ich mit rotem Weine

die Musen, die wohl einst geküsst

als Glück dir rasch die Stirne, Heine,

was mir vielleicht auch helfen müsst’.

 

Doch scheinen sie mich nicht zu lieben.

Was hat die Holden nur erbost,

dass sie sind einfach fortgeblieben?

Da spendet nur der Wein mir Trost.

 

Den trinke ich auf dich nun, Heine,

denn Musen kommen eh’ jetzt keine.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erinnert

 

Ganz sicher ist es einstmals so gewesen,

dass du auch mit des Frühjahrs neuem Licht

von Liebe hast nicht einfach nur gelesen,

von ihr geschrieben nicht nur im Gedicht.

 

Und da die Dinge, wie sie sind, nicht bleiben,

was ganz gewiss auch für die Liebe gilt,

siehst nun du zwar des Frühjahrs buntes Treiben,

wie es vor lauter Liebe überquillt.

 

Doch siehst du’s heute eher aus der Ferne,

bemüht um Worte, besser zu versteh’n,

und du beschreibst des Frühjahrs Rausch noch gerne,

wohl wissend, dass die Zeiten schnell vergeh’n.

 

Und manchmal scheinen deine Worte gar

dir ähnlich schön, wie einst die Liebe war.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hinter die Karten gesehen

 

Beim Eichendorffschen Söllerblick

die Mittel scheinen eher schlicht:

Der Lockung simpler Zaubertrick

sind Dämmerung und Mondeslicht.

 

Er scheut zu Recht das Sonnenlicht,

in dem die Welt erscheint uns klar.

Was wir da sehen, lockt uns nicht,

das leuchtet ein, selbst mir sogar.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Form und Inhalt

 

Die Sprache, sagt man, sei des Denkens Grund.

Es folgt daraus, dass ihre Form ist wichtig.

Doch sind Gedanken dadurch schon profund,

dass sprachlich sie sind strukturiert und richtig?

 

Um den Versuch ich komme nicht umhin,

da sprachlich wohlgeordnet sind Sonette,

zu prüfen, ob ein solches einen Sinn

allein auf Grund der klaren Form schon hätte.

 

Die Form, so scheint mir, ist korrekt gewahrt.

Im zehnten Vers jedoch schon angekommen,

hat klar sich kein Gedanke offenbart,

noch immer alles trübe und verschwommen.

 

Nur Zweifel klar und deutlich sich jetzt regen,

ob diese Verse irgendwas belegen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(Dornburg)[2]

 

Angesichts bei Abendröte

goldgefärbter Horizonte

tief bewegt war Meister Goethe,

weil er’s nicht erklären konnte.

 

Müht sich ab dann im Gedichte,

aber kann es nicht verstehen,

dass wir in des Abends Lichte

uns’re Welt so golden sehen.

 

Die Erklärung ihm gelänge,

wüsst’ er mehr vom weißen Lichte,

Refraktion und Wellenlänge.

Doch dann fehlten uns Gedichte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Paradox

 

Verstünde ich’s, geschickt mich auszudrücken,

ich wäre irgendwann wohl gänzlich leer

und keine Verse könnten mir mehr glücken.

Wo holte Geist ich dann und Worte her?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Postmodern

 

Damit bei dem, was ich hier sage,

sich möglichst niemand daran stört,

dass Sinn sich zeigt nicht einmal vage,

es klingt wie oftmals schon gehört

und alles, was ich von mir gebe,

Verbindlichem ist eher fern,

recht seltsam unstet, in der Schwebe,

ich geb’ es aus als postmodern.

Denn Neues ist hier nicht zu finden

und Perspektive gibt es nicht,

das alles ist zu überwinden,

hat nichts verloren im Gedicht.

So kritisch nicht, mehr ketzerisch

aus Parodie wird nun Pastiche.

 

 

 

 

 

Menschliches

Menschliches

 

 

 

 

 

 

Bestätigung

 

Wichtig woll’n wir alle sein,

alle Blicke auf uns lenken.

Alle, bilden wir uns ein,

nur an uns alleine denken.

 

Gern im Mittelpunkt wir steh’n,

jeder findet selbst sich wichtig.

Sich als Besten anzuseh’n,

scheint so jedem gut und richtig.

 

Ganz gewiss, so wie ich find’,

liegen wir auch nicht daneben.

Wo wir doch so viele sind,

reicht die Zahl, uns Recht zu geben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Körperpflege

 

Mit Akribie und viel Geduld

betreiben wir den Körperkult

und produzieren viele Sachen,

um angenehmer uns zu machen.

Was duftet gut, den Körper ziert,

wird feilgeboten, propagiert,

damit für jeden einzusehen,

dass ohne kann gar nichts mehr gehen.

Ein jeder sich verschämt verkriecht,

wenn menschenähnlich er mal riecht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gerechtigkeit am Morgen

 

Der Hahn, der kräht, es ist schon spät.

Er mahnt und drängt zur Eile.

Das warme Bett mich aber lädt,

zu bleiben eine Weile.

 

So kräht der Hahn noch stundenlang,

wird dabei immer leiser,

bis dann verstummt der Hahnensang,

er ist inzwischen heiser.

 

So liege friedlich ich noch spät

in meinem Bett und schlafe.

Gerecht, weil er so früh gekräht,

scheint mir des Hahnes Strafe.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gesprächsstoff

 

Wir reden ständig, wenn wir uns mal sehen,

darüber, wer ist wieder einmal krank.

Ich klage nicht, so muss ich eingestehen,

find’s ganz in Ordnung, sage: Gott sei Dank.

 

Mal sind’s die Knochen oder auch die Sehnen,

es schmerzt mal dies und jenes tut mal weh,

es liegt am Alter oder an den Genen,

ist mal im Kopf und manchmal auch im Zeh.

 

So hat ein jeder wechselnd seine Leiden,

die einen chronisch, andere akut.

So sehr Gesunde wir, wie’s scheint, beneiden,

ich glaub’, es ging gesund uns auch nicht gut.

 

Gut, dass die Krankheit Grund uns gibt, zu klagen,

wir hätten sonst so wenig uns zu sagen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dualistisches Erkenntnisproblem

 

In Körper und in Geist zerfällt

der Mensch, genannt auch Leib und Seele,

die irgendwas zusammenhält,

auf dass der Teile keines fehle.

 

Recht sonderbar ist eins am Geist:

Er muss ihm Fremdes erst gestalten,

was dann auf ihn zurück verweist,

ein Bild von sich so zu erhalten.

 

Der Körper hat es leichter da,

muss vor den Spiegel sich nur stellen,

um, wer er ist, gewiss und klar

durch die Betrachtung zu erhellen.

 

Doch je nachdem was zu erkennen,

die Teile würden gern sich trennen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gründe

 

Bin keine Insel, kann darum nicht retten

den matten Schwimmer vor dem Untergang,

nicht sicher ihn auf feste Erde betten,

bereiten ihm so freundlichen Empfang.

 

Ich zeigte Hilfsbereitschaft gern und Größe,

wär’ gerne edel, tapfer und auch gut.

Zu geben heldenhaft mir keine Blöße,

fehlt mir die Kraft und nicht der Heldenmut.

 

Bin selbst erschöpft, nicht wirklich guter Schwimmer

und dies Gewässer ist gewiss nicht seicht.

Ich habe selber keinen blassen Schimmer,

ob meine Kraft, mich selbst zu retten, reicht.

 

Als Insel ich wohl and’re Gründe hätte,

dass ich den Schwimmer, der in Not, nicht rette.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mondfinsternis

 

Liegt in der Erde Schatten mal der Mond,

erblickt man darin eine Sensation,

ein Schattenspiel, das zu betrachten lohnt,

wovon man spricht so lange vorher schon.

Doch mir bereitet daran große Qual

und tut mir tief in meiner Seele weh,

dass diesen Leuten es ist ganz egal,

wenn ich im Schatten mal von andren steh.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am Ziel

 

Du eilst wie blind den Weg entlang,

und willst nach rechts und links nicht sehen.

Du drängst voran mit forschem Gang

und bleibst an keiner Stelle stehen.

 

Du lässt nicht bremsen deinen Lauf

und überholst darum auch viele.

Du hältst dich nirgends lange auf

und strebst direkt zu deinem Ziele.

 

Dass du es schaffst, verwundert nicht,

da Ehrgeiz und auch Neid dich treiben.

Dir geht am Ziel erst auf ein Licht:

Du magst an diesem Ort nicht bleiben.

 

Und somit wird auch eins dir klar:

Warum so schnell sonst keiner war.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Woher der Wind weht

 

So unstet wie der Winde Spiel

wir selber uns bewegen,

und nicht auf Richtung, nicht auf Ziel

geringsten Wert wir legen.

 

Vom sanften Wiegen eingelullt,

wir in Bewegung bleiben,

und niemand hat daran dann Schuld,

wohin wir langsam treiben.

 

Und hebt es gar zu stürmen an,

wird jeder mitgerissen,

wohin der Sturm verschlägt uns dann,

kann keiner vorher wissen.

 

Es lernt ein jeder schon als Kind

noch vor dem ersten Zahne,

zu flattern willenlos im Wind,

so lustig wie die Fahne.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Beschränkt

 

Ein jeder lebt in seiner Welt,

die er von allen kleinen Welten

für ganz besonders wichtig hält,

die alle woll’n als wichtig gelten.

 

Du machst dich krumm und lächerlich,

indem mit Mühe und viel Strampeln

du in der Welt nimmst wichtig dich,

versuchst ganz oben ’rumzuhampeln.

 

Der Mechanismus ist ganz schlicht:

Um die Beschränktheit zu erkennen,

die kleine Welt genügt dir nicht,

doch magst du dich nur ungern trennen.

 

Es gibt viel mehr, das ist wohl richtig,

doch hier bist du so schrecklich wichtig.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Suche nach dem Paradies

 

Gar neidisch magst du zu den andren sehen,

die näher scheinen dir dem Paradies.

Doch gilt für diese ganz gewiss auch dies:

dass auf dem Weg sie durch die Hölle gehen.

 

Es wollen alle glücklich dort zwar leben.

Doch wer hat jemals dieses Ziel erreicht?

Es scheint, dass umso weiter fort es weicht,

je größer unsrerseits ist das Bestreben.

 

So mancher hat sich sinnlos abgeschunden

und ganz zuletzt sein Schicksal doch verflucht,

weil er sein Paradies hat nicht gefunden.

 

Für diesen Ort scheint der nur auserkoren,

der so zufrieden, dass er ihn nicht sucht,

der gar nicht weiß, dass je er ging verloren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nette Gesellschaft

 

Wie eifrig sie zu tratschen sich befleißen,

gemeinsam über andre fallen her

und über diese sich das Maul zerreißen,

in dieser Form ist wirklich schön nicht mehr.

 

Von Eifersucht und Kleinmut deutlich zeugen

wie auch von ungeschickt verhohl’nem Neid,

dass sie so kritisch andere beäugen

und unaufhörlich tun sich selber Leid.

 

Wobei so manches stimmt, was schlecht sie nennen,

zurecht sie manchem andren ja misstrau’n,

nur, dass sie selbst darin sich nicht erkennen,

wohl selber niemals in den Spiegel schau’n.

 

Mir ist die Parallele augenscheinlich,

in diesem Kreis zu sein, deswegen peinlich.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Arbeit

 

Was immer ich gerade tu,

ganz gleich, womit ich mich befasse,

es lässt mir einfach keine Ruh’,

dass ich zugleich so viel verpasse,

denn, was ich mache, führt dazu,

dass anderes ich darum lasse.

So wird mir endlich klar im Nu,

warum zu arbeiten ich hasse.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Reisen

Reisen

 

 

 

 

 

Fernweh

 

Du littest lange schon an Langeweile

und lockend Fernweh drängte dich zur Eile.

Du wolltest endlich enger Welt entflieh’n,

in unbekannte ferne Länder zieh’n,

aus öder Enge in die Weite streben,

das Altvertraute wolltest auf nun geben!

 

Doch kaum hinfort, fühlst du dich wieder mies,

denn nirgends gleicht ein Ort dem Paradies.

Nun fragst du dich, warum du nicht geblieben,

was dich in diese ferne Welt getrieben.

Hier findest du wohl kaum ersehntes Glück

und tief enttäuscht sehnst du dich jetzt zurück.

 

Und als Moral am Schluss fast zu erwarten:

Wenn du verreist, denk an die Rückfahrkarten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Volterra

 

Volterra, Stadt der tiefen Straßenschluchten,

geschnürt von Mauern, dir zum Schutz gebaut,

dass Enge kann sich kaum zum Platz ausbuchten,

wo unerwartet dann der Himmel blaut.

 

Wo hohe Mauern tags die Sonn’ verdunkeln,

vergeblich sucht das Auge in der Nacht

des Sternenhimmels sonst so trautes Funkeln -

versteckt von Türmen längst vergang’ner Macht.

 

Etrusker haben hier mit Alabaster

die Kunst zu modellieren schon gepflegt,

dass windverweht auf deiner Gassen Pflaster

sich feiner Alabasterstaub gelegt.

 

Mag lange hier geschützt von deinen Mauern

des Windes Spiel mit diesem Staub noch dauern.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Pisa

 

Auf Handel einst und Krieg und Raub gegründet,

wird Pisas Macht vom schiefen Turm bezeugt.

Dass sie morbid, er damit schon verkündet,

dass er sich gleich beim Bau auf Sand gebeugt.

 

Den schönen Dom hat mit antiken Säulen

Palermos man zu zieren sich erlaubt

und Diebesgut, das man mit Schwert und Keulen,

auf Elba und Sardinien geraubt.

 

Nicht Pracht und Reichtum halten die grotesken

Gemälde dort im Campo Santo fest.

So zeigen die Triumph-des-Todes-Fresken,

wie grässlich grauenvoll das Werk der Pest,

wie gnadenlos sie Qual und Tod gebracht,

abrupt beendet so das Spiel der Macht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Venedig

 

Durch schmale Gassen, über Brücken gehend,

nur vage ahnend, was man um sich hat,

beim Anblick der Paläste klarer sehend:

das Denkmal einer üppig schönen Stadt.

 

Zu dekadent, zu lange schon von Dauer,

marode Macht kann ewig nicht besteh’n,

in alten Stolz mischt nun sich stille Trauer,

denn welche Schönheit muss hier untergeh’n.

 

Die Fenster sind mit Schnickschnack überladen,

Besuchertrubel über Plätze schwemmt.

Da helfen Deiche nicht, noch Barrikaden,

da gibt es nichts, was diese Fluten hemmt.

 

Und Grabstein gleich erinnern die Paläste

an Macht und Schönheit heute deine Gäste.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wallhausen

 

Des Nebels Dämmerlicht lässt nichts erkennen,

Konturen mischend, trübe wie im Traum,

vermag’s dann, mühsam See und Land zu trennen,

so zu gebären erst Struktur und Raum.

 

Und gegenüber dort in Überlingen

gelingt der Sonne zögerlicher Kraft,

die frühen Nebel bald hinfort zu zwingen,

was Licht und Farbe dort zu wecken schafft.

 

Noch wird dem Dunst die Macht nicht ganz genommen,

die Stadt den dunklen Schatten zwar entsteigt,

doch ihr Gesicht wirkt milchig trüb, verschwommen,

was ihre Schönheit nur verschleiert zeigt.

 

Ganz strahlend klar kann spät sie erst betören,

doch Hochhäuser die Harmonie jetzt stören.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Viel gereist

 

Es zog ihn manchmal in die Ferne,

d’rum reiste Heine viel und gerne.

Doch jeder nicht ihn gerne hat:

In Düsseldorf, der Heimatstadt,

ist unbeliebt er, und auch später

man nennt ihn Vaterlandsverräter.

So ist am Rhein er nicht geduldet

und dies Verhalten hat verschuldet,

dass er in Frankreich fortan lebt,

was seiner Art nicht widerstrebt.

Und in Paris Franzosen haben

auf dem Montmartre ihn begraben.

 

Hier manches Denkmal, das ihn preist,

gleich ihm ist in die Welt gereist.

Was Heine rühmt, ist hier umstritten,

woanders ist es wohl gelitten:

Toulon, New York, selbst Afrika.

Man duldet unsren Dichter da,

wo oft nach langen Odysseen

die Heine-Tafeln heute stehen.

 

Verflogen ist derweil der Grimm,

das alles ist heut’ nicht mehr schlimm:

Denn an der Kö nun breit er macht sich

seit neunzehnhunderteinundachtzig.

Auch heißt in Düsseldorf - zwar spät -

nach ihm die Universität.

Als Sohn der Stadt so angenommen,

würd’ Heine kaum wohl wiederkommen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Neue Zeiten

 

Wir träumen heute nicht romantisch mehr,

nicht von den guten und den alten Zeiten,

den heilen Welten, die schon lange her,

auch nicht von fernen, unbekannten Weiten.

 

Die alte Fernwehzeit ist längst vorbei.

Wir können selbst hier alles wachsen lassen,

Oliven, Oleander und Salbei

in unsren Gärten und auf den Terrassen.

 

Dank CO2 reicht hier der Sonne Licht

von unsrer Haut die Blässe zu vertreiben.

Für andres brauchten wir den Süden nicht

und können jetzt getrost zu Hause bleiben.

 

Die Reisejets jetzt leer nur Kreise fliegen,

dass Treibhausgase so genug wir kriegen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ins Gästebuch

 

Ich schreib’ nicht gern ins Gästebuch,

wo jeder, der ist zu Besuch,

gezwungen wird hineinzuschreiben,

obwohl er’s besser ließe bleiben.

Denn jeder nicht, der ist zu Gast,

d’rum Lesenswertes gleich verfasst.

Auch hier ist’s wieder so gewesen,

dass Peinlichkeiten sind zu lesen,

die sicherlich ganz lieb gemeint,

jedoch trotzdem, so wie mir scheint,

auf sehr viel Geist nicht schließen lassen

und auch stilistisch oft nicht passen.

So wird mir manches Gästebuch

nach kurzer Zeit zum roten Tuch.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sagenhaft

Sagenhaft

 

 

 

 

 

Odysseus und die Sirenen

 

Brecht berichtigt alte Mythen,

Kafka gleich hegt er Verdacht,

warnt, vor ihnen sich zu hüten,

mehr Distanz sei angebracht.

 

Dass Odysseus ein Betrüger,

scheint uns heute sonnenklar,

siegreich war er nicht, weil klüger,

sondern weil so schön er war.

 

Kein Sirenenlied sollt’ schallen,

denn sie sind, was menschlich ist,

auf den Schönling reingefallen,

nicht auf seine kluge List.

 

Nützlich ist so nachzulesen,

nicht Vernunft sorgt für Gewinn.

Wie es damals schon gewesen,

macht Kosmetik heut’ noch Sinn.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Prometheus

 

Nicht Menschen nur nach seinem Bilde

Prometheus wohl zu formen schafft,

er führt sogar noch mehr im Schilde:

Athene sorgt für Lebenskraft.

 

Den Göttern stiehlt er noch das Feuer,

das er den Menschen dann gebracht.

Die Tat ist groß, ganz ungeheuer,

doch hätt’ er’s besser nicht gemacht.

 

Naiv ist solche Tat zu nennen,

da er nicht ahnt die Schweinerei:

dass diese alles nun verbrennen,

nicht achtend Ruß und CO2.

 

Und war er nicht so unbedarft,

hat Zeus ihn noch zu mild bestraft.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Gürtel der Venus

 

Wollt’ Juno Jupiter verführen,

so fiel ihr das nicht ganz so leicht,

denn, sein Verlangen anzuschüren,

hat ihre Schönheit nicht gereicht.

 

Der Venus’ Gürtel musst’ sie leihen,

der ihren Liebreiz hat vermehrt

und Anmut ließ ihr angedeihen,

damit er sicher sie begehrt.

 

Bei Juno mag das funktionieren,

sie spricht die Venus einfach an

und schon kann sie ihr Gürtel zieren,

was allerdings nicht jede kann.

 

Denn eines ist gewiss gemein,

wenn dieser Gürtel ist zu klein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Kraniche des Ibykus

 

Die Kraniche, so die Geschichte

und auch bei Schiller im Gedichte,

dem Ibykus sind wohlgesinnt,

verraten, wer die Mörder sind.

Wenn damals es schon Vogelgrippe

gegeben hätte, wär das schlecht,

dann mahnte heut noch das Gerippe

des Ibykus, dass man ihn rächt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Teiresias

 

Vielleicht als Zeus und Hera sich an ihn gewendet,

die sich gestritten, wer mehr Lust beim Liebesakt,

Teiresias, der Falsches sagte, wurd’ geblendet,

vielleicht weil Falsches er erblickt: Athene nackt.

 

Wie immer es gescheh’n, er wurd’ versehen

mit langem Leben und der Kunst der Prophetie.

Und auch der Vögel Sprache konnte er verstehen,

dass selbst die Zukunft kannte er und irrte nie.

 

Im Reich der Schatten gar nach seinem langen Leben

er findet Ruhe nicht, es blieb ihm nicht erspart,

Odysseus Einblick in die Zukunft noch zu geben.

Vielleicht reicht dieses Spiel bis in die Gegenwart.

 

So hüte dich der Göttin Schönheit zu erblicken,

und auch den Göttern klug zu raten, kannst du knicken.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Voluptas

 

Die Psyche war so wunderschön,

dass jeder sie begehrte.

Doch Venus hat’s nicht gern geseh’n,

dass sie nicht die Verehrte.

 

Aus Eifersucht die Venus nun

will Psyche eins verplätten,

die beinah musste ewig ruh’n.

Doch Eros konnt’ sie retten.

 

Und bis hinauf zum höchsten Chef,

zu Zeus, ist der geschlichen.

Erfolgreich endet dieser Treff:

Er darf sie ehelichen.

 

Sofern die Quelle da nicht lügt,

nach kurzer Zeit vermocht’ er,

ganz sicherlich dabei vergnügt

zu zeugen eine Tochter,

 

die Göttin wird der Lebenslust

und steht für das Vergnügen,

auf dass das Leben man bewusst

genießt in vollen Zügen.

 

Doch leider sind die Quellen rar.

Ich möchte es fast schwören:

Es wäre sicher wunderbar,

von ihr noch mehr zu hören.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Natur

Natur

 

 

 

 

 

Kleiner Trost bei schlechtem Wetter

 

Trübsinn bringt das Regenwetter,

Tropfen drücken tief die Blätter,

die, sie sammelnd, niedersinken,

wenn sie fallen, freundlich winken.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ist Herbst

 

Ist Herbst. Die meisten Blätter kriegen

nun Reiselust und gehen fliegen.

Gejagt von Wirbelwinden dann,

sie fangen wild zu tanzen an.

 

Doch fern vom Baum sie müssen darben,

durchlaufen rasch des Herbstes Farben

von grünlich Gelb bis Dunkelbraun

und sind dabei schön anzuschau’n.

 

Die wild sich noch im Kreise drehen,

mit einem Bein im Grab schon stehen:

Ihr lustig bunter Mummenschanz

ist nämlich auch ihr Totentanz.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Des Frühjahrs Freuden

 

Die Luft wird lau und immer milder,

die Vögel aber laut und wilder.

Als wollten sie dich damit strafen,

sie hindern dich des Nachts zu schlafen.

Mit ihren Paarungsritualen

bereiten sie dir üble Qualen.

So kann kein Frühjahr Freude spenden

des Morgens früh an Wochenenden,

wenn lautstark Lärm dich weckt von Tieren,

die draußen heftig randalieren.

Was tags du kannst als Lied genießen,

vermag so früh, dich zu verdrießen,

geht auf die Nerven dir doch sehre,

dass du dir wünschst, dass Winter wäre.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Blatt

 

Schon in des Winters Sterbestunden

- der letzte Schnee ist fast verschwunden -

ganz zügig, eh’ du dich versiehst,

der zarten Knospe grün entsprießt

ein Blatt, den Baum nicht nur zu zieren,

auch Sonnenlicht zu absorbieren.

Das macht es einen Sommer lang,

der Herbst schon bringt den Untergang.

In diesem Werden und Vergehen

versuchen wir zwar Sinn zu sehen,

doch an des tiefen Sinnes statt

bleib übrig nur ein welkes Blatt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wolken

 

Erst eine lustig lässt im Wind sich treiben

und mehr noch kommen kurze Zeit darauf.

Weil meistens sie allein nicht gerne bleiben,

die Schäfchenwolken fliegen bald zuhauf.

 

Am Anfang finden wir ihr Treiben niedlich.

Wie sie am Himmel schweben - Schaf für Schaf -,

wie sie im Wind sich jagen, scheint uns friedlich.

Noch einzeln wirken harmlos sie und brav.

 

Doch bald schon trüben unsre lieben Kleinen

des Sommerhimmels strahlend schönes Blau,

zu dunklen Wolken sie sich schnell vereinen

und wandeln jede Farbe in ihr Grau.

 

Und keine Schafe lustig sich bewegen,

aus grauem Himmel fällt nun Dauerregen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hortensie

 

Im späten Herbst ein Zweig noch blüht

und sorgt, dass er ist wohl gelitten,

der sich zuletzt um Schönheit müht

und deshalb wird nicht abgeschnitten.

 

Den Winter überdauert er,

jedoch die Blüte muss vergehen

und ist verwelkt nun gar nicht mehr

so schön wie einstmals anzusehen.

 

Wenn Blätter bald die Blicke locken,

sich grün aus ihren Knospen trau’n,

dann stört die späte Blüte, trocken,

mit ihrem hässlich dunklen Braun,

will, kaum dass wir den Frühling ahnen,

schon an den Winter uns gemahnen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Spatz

 

Die Städte sind sein Tummelplatz,

da muss er sich von Resten nähren,

da hüpft er ’rum, der kleine Spatz,

baut Nester, muss sich ja vermehren.

 

Dort zwitschert lautstark er sein Lied.

Durch Straßenlärm nicht zu erschüttern,

durchstöbert er das Stadtgebiet,

muss seine Jungen schließlich füttern.

 

Bis die dann endlich flügge sind

und groß genug, sich wegzuscheren,

muss schnell noch jedes Spatzenkind

er alle Spatzenlieder lehren.

 

So treibt’s der Spatz zehn Jahre lang.

Dann stirbt er ohne Sang und Klang.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Herbstgedicht[3]

 

Dem Sommer wenig Zeit nunmehr verbleibt,

des Herbstes Winde schütteln reife Früchte

und der Poet bleibt lange wach und schreibt.

 

Beschützt vom Haus sieht er des Windes Spiel

und muss wie jedes Jahr vom Herbst nun schreiben,

von der Alleen bunter Blätter Treiben

Gedichte in uns wohl vertrautem Stil.

 

Obgleich er nichts sieht als ein sterbend Blatt,

metaphernreich muss er die Farben nennen,

als säh’ er tausend Wälder flammend brennen

und dies zum ersten Male fände statt. -

Gedichte, die wir alle lange kennen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schneeflocken

 

Flocken Schnee zum Boden schweben,

bis sie harmlos bleiben liegen.

Manche auch an Bäumen kleben,

die sie tief hinunter biegen

oder, was von großem Übel,

die mit großen Angriffsflächen,

deren Äste nicht flexibel,

niederdrücken, bis sie brechen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mehr Schneeflocken

 

Als feine Flöckchen sacht sie schweben

und tanzen harmlos auf und ab.

Doch dass sie auch mal bleiben kleben,

beschäftigt manchen Krisenstab.

 

So liest man jetzt in jeder Zeitung,

dass nasser Schnee in Mengen hält

sich fest auch an der Oberleitung,

bis dann zuletzt der Strom ausfällt.

 

Der kann gewiss nicht gut es heißen,

der dadurch frieren muss extrem,

dass Drähte durch den Schnee zerreißen.

Sein Leben wird recht unbequem.

 

Der Flocke Schnee gilt seine Schelte,

da sie ihr Spielchen treibt bei Kälte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am Starnberger See (Dezember 2005)

 

Als Bipol nur recht schwach gebunden,

es dreht im See noch seine Runden.

Solange ihm die Wärme reicht,

fällt die Bewegung ihm ganz leicht,

es muss nicht fest am Nachbarn kleben,

kann frei im See umher so schweben.

Zwar droht des Winters Kälte schon,

doch zwingt noch nicht die Kohäsion

das Molekül zu festem Halt.

Es ist noch nicht so richtig kalt,

so dass die Wärme reicht im Ganzen,

im See noch auf und ab zu tanzen.

Das Toben macht ihm so viel Spaß,

dass es verlässt das kühle Nass,

und aus den Fluten aufgestiegen,

es kann gar durch die Lüfte fliegen.

Noch freut sich unser Molekül

und findet lustig dieses Spiel,

mag hoch und immer höher steigen,

mit anderen im bunten Reigen.

Doch merkt das Molekül recht bald,

dass in der Höhe es wird kalt.

Die gute Laune muss so weichen,

es sehnt sich schon nach seinesgleichen,

und siehe da, jetzt aufgepasst,

schon hat es jemand angefasst

und kräftig an die Hand genommen.

Es sind dann auch noch mehr gekommen,

so dass es, gar nicht mehr allein,

ist aufgenommen im Verein

von vielen Wassermolekülen,

die einfach in der Sonne spielen.

Herumgewirbelt durch den Wind,

für welchen sie der Spielball sind,

als Nebel sind sie so zu sehen,

doch können sie das nicht verstehen

und bleiben Nebel auch nicht lang,

verspüren nämlich bald den Drang,

anstatt sich weiter fest zu fassen

sich lieber wieder loszulassen.

An dieser ihrer Ungeduld

der Sonne Wärme ist jetzt schuld,

die lässt sie danach heftig streben,

alleine durch die Luft zu schweben.

Kaum dass es los gemacht sich hat,

das Molekül trifft auf ein Blatt,

wo andre es nun fest umfassen,

Bewegungsfreiheit ihm nicht lassen,

es zwingen so, zu sublimieren,

das Blatt als Raureif zu verzieren,

was dies im Licht nun glitzern lässt.

Das Molekül jedoch hängt fest

und muss auf Sonnenwärme warten,

damit es kann dann wieder starten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Frühling

 

Endlich ist jetzt Frühling wieder

und im Garten alles blüht.

In der Sonne weiß der Flieder

zu gefallen sich bemüht.

 

Und bei strahlend schönem Wetter

zartes Grün bis sattes Rot

leuchtend ziert die frischen Blätter.

Keiner glaubt, dass Übles droht.

 

Doch wer auf den ach so tollen

Frühling, der ja auch gebiert

massenweise Blütenpollen,

arg allergisch reagiert,

 

mag den Zauber gar nicht leiden,

zieht sich in das Haus zurück,

sucht die Pollenluft zu meiden,

Blüten bringen ihm kein Glück.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Birke

 

Winterlich, ganz ohne Blatt

zeigt sie trist sich unsren Blicken.

Doch bei Nieselregen hat

Perlen sie, sich hübsch zu schmücken.

 

Schüttelt Wind sie dann ganz sacht,

muss die Birke schnell sich trennen

von des schönen Schmuckes Pracht

und ist wieder trist zu nennen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nebenwirkung

 

Blumen, bunt, mit Blütenstäuben

und mit Düften süßlich schwer

nicht nur Bienen locken her,

auch die Sinne uns betäuben

und Gefühle in uns nähren.

So mit ihrer Buhlerei

tragen Blumen dazu bei,

dass auch wir uns mehr vermehren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Frosch

 

Der grüne Frosch im tiefen Teiche lebt,

ernährt sich dort von vielen kleinen Tieren

und ab und an der Frosch auch danach strebt,

an Land zu geh’n, sich dort zu verlustieren.

 

Auch hier besorgt er an Ernährung denkt,

Insekten fängt er, so zum Beispiel Fliegen,

worauf er sorgsam seine Sinne lenkt,

denn einfach sind die Biester nicht zu kriegen.

 

Doch manchmal er an Land nichts jagen mag

und klettert doch aus seinem trüben Nass er,

hüpft kurz herum, schaut hin und her, macht quak

und springt mit lautem Platsch zurück ins Wasser.

 

Verstehen nicht, man kann es nur beschreiben.

Der Frosch wird uns auf ewig Rätsel bleiben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Licht

 

Etwas zwingt sie unentwegt

rastlos hin und her zu schwingen,

energetisch angeregt

permanent zu Quantensprüngen.

Rauf und runter hüpfen sie,

winzig kleine Elektronen,

nehmen auf so Energie,

sorgen auch für Emissionen.

Energie wird somit frei

und entfernt sich von der Quelle.

Der Modelle gibt es zwei:

Eines nennt sie einfach Welle.

Rast wie Licht schnell durch die Welt,

aufgebaut durchaus synthetisch,

bildend senkrecht je ein Feld,

teils elektrisch, teils magnetisch.

Trifft das Auge sie speziell,

führt’s sogleich zu dem Ergebnis,

dass es wird für uns dann hell.

Nennen kann man’s Seherlebnis.

Und die Welle nennt man Licht.

Möglich macht sie uns, zu sehen.

Ohne sie wir könnten nicht,

ansatzweis’ die Welt verstehen,

liefen durch sie völlig blind.

Und so ist uns diese Welle

- offensichtlich wohlgesinnt -

wichtigste Erkenntnisquelle.

Macht man sich das alles klar,

bleibt nur eins noch zu betonen:

dass sie sind doch wunderbar,

all die kleinen Elektronen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Befreiung

 

Der Schnee, sofern er haften bleibt,

die Blätter Richtung Boden treibt,

die tief sich dann hinunterbücken,

als wollte er sie ganz erdrücken.

So hilflos steht die Pflanze da,

sieht traurig aus und sonderbar.

 

Beginnt es dann jedoch zu tauen,

die Blätter sich nach oben trauen.

Mit jedem Tropfen, wenn er fällt,

das Blatt ein Stückchen höher schnellt.

Und wenn der letzte Schnee vernichtet,

hat sich die Pflanze aufgerichtet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jahreskreis

 

Im Frühjahr erstes zartes Grün

beginnt, was trostlos kahl, zu zieren,

und Bäume immer mehr erblüh’n,

zum Sommerwald bald explodieren.

 

Im Dunst des Herbstes gelb, rot, braun

der Blätter Flächenbrände lodern,

wie schwelend’ Feuer anzuschau’n,

um bald am Boden zu vermodern.

 

Zu Humus, der beachtet kaum,

die bunten Blätter nun vergehen,

zur Frühjahrsnahrung für den Baum,

dass wieder Blätter so entstehen.

 

Die Knospe, wenn sie dann erbricht,

erahnt den Jahreskreislauf nicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sonnenaufgangsstimmung

 

Bist leid die Nacht, ihr Ende du erwartest,

bist überdrüssig ihrer Dunkelheit.

Erwartend Licht, aufs Firmament du starrtest,

es scheint dir, fast schon eine Ewigkeit.

 

Und jetzt du wähnst es dort schon etwas heller.

Geboren wird wohl bald des Tages Licht.

Du spürst Erregung und dein Puls geht schneller,

den Tag erwartend nun mit Zuversicht.

 

Und endlich steigt der Sonne rote Scheibe

schnell wachsend hinter’m Horizont herauf,

auf dass sie siegreich nun die Nacht vertreibe.

Doch irgendetwas stößt dir sauer auf:

 

Denn bald schon stört des Tages grelles Licht.

Du siehst der Sterne schönes Funkeln nicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Philosophisches

Philosophisches

 

 

 

 

 

Zum Vorurteil

 

Fürs Vorurteil ich breche eine Lanze,

so mancher mag als Unkraut es verteufeln,

dem ich jedoch, wenn zart und klein die Pflanze,

mag fürsorglich den harten Boden häufeln.

 

Auf dass es wachse und mag wohl gedeihen,

will ich das schwache Pflänzchen sorgsam hegen,

um nicht bei jenen mich gar einzureihen,

die ohne Grund es abzulehnen pflegen.

 

Wir müssen endlich uns der Frage stellen,

was Gadamer hat längst schon eingesehen,

ob Vorurteile wir vor’m Urteil fällen

und ohne sie wohl nie etwas verstehen.

 

Mit dieser Frage wär’ zugleich zu klären,

was wär’, wenn dies auch Vorurteile wären.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zum Licht

 

Dass er die Welt und auch sich selbst erkennt,

gibt es für Ödipus des Lichtes Helle.

Er glaubt, es taugt das Aug’ als Instrument,

als Weg zur Wahrheit, als Erkenntnisquelle.

 

Auch später lässt sich die Metapher finden:

in Klarheit, Einsicht und im Geistesblitz.

Bis heute noch wir Geist mit Licht verbinden.

Von Leuchte sprechen wir mit Spott und Witz.

 

Doch augenscheinlich lässt sich kaum verhehlen,

dass uns ein helles Licht nicht immer scheint,

vielleicht uns auch nur gute Brillen fehlen,

und doch fast jeder klar zu sehen meint.

 

Ich seh’ das skeptisch, nicht mit Zuversicht:

Wir wissen nicht mal, was es ist - das Licht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verwandtschaft

 

Ein Affe vor dem Spiegel steht,

mit Neugier sich betrachtend

und Sorgfalt, dass ihm nichts entgeht,

auf seine Schönheit achtend.

 

Er macht es so wie jedermann,

studiert sein Bild gar eitel,

fängt unten bei den Sohlen an

und endet dann beim Scheitel.

 

Wie menschlich und intelligent

sich Affen doch verhalten.

Zu Unrecht Affen, man erkennt,

als dumme Tiere galten.

 

Im Spiegel zeigt sich der Verstand

und wer mit wem so nah verwandt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Wort zu Kant

 

Ihm gilt Wahrhaftigkeit als hohes Gut,

er möchte zum Gesetz darum erheben,

dass dies als Postulat gilt absolut,

dass alle unbedingt nach Wahrheit streben.

 

Recht sinnvoll scheint dies auf den ersten Blick,

doch bald schon regen sich bei mir Bedenken.

Das Ganze scheint ein Taschenspielertrick,

mag ich den Blick nur auf die Folgen lenken:

 

Wie oft eckt übel man mit Wahrheit an,

liebt selber doch verlog’ne Schmeicheleien,

kommt ohne Lüge mühsam nur voran

und kann die Wahrheit and’ren nicht verzeihen.

 

Der Lüge möchte ich den Vorzug geben,

glaub’ nicht, dass ohne sie ich könnte leben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kantkrise

 

Das Ding an sich, so Kants Devise,

von uns sei zu erkennen nicht,

womit er Kleist führt in die Krise,

verdunkelnd der Erkenntnis Licht.

 

Im dumpfen Reich der trüben Schatten,

in Platons Höhle wähnt er sich,

wo seine Augen kaum gestatten

zu sehen, was ist eigentlich.

 

So widmet Kleist - zum Glück, ich meine -

nicht positiver Wissenschaft,

der Dichtkunst mehr, dem schönen Scheine,

die kreative Schaffenskraft,

dass er ins Licht der Sprache bringe

so manche an sich trüben Dinge.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenn die Tiefe fehlt[4]

 

Nun gib mal Acht!

Entschlummert bald so sanft und sacht,

hat tief, so tief

sich Nietzsche seine Welt gedacht,

als tief er schlief

den Tiefschlaf ewig tiefer Nacht.

Aus Ewigkeit

und Lust im Traum sodann erwacht,

bringt Herzeleid,

dass er ist um den Schlaf gebracht

und seine Welt sogleich verflacht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Evidenz

 

Descartes war einst darüber froh,

dass sicher er wohl existierte,

indem sowohl auf cogito

wie ergo sum er insistierte.

 

Doch letztlich brachte das nicht viel.

Bei Lichtenberg[5] klingt an schon leise:

Verwirrung sei der Sprache Spiel,

das postuliere, nichts beweise.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

An Nietzsche[6]

 

Dir Friedrich Nietzsche Schimpf und Schelte,

da einsam du in Wüsten frierst

und ob des Nihilismus Kälte

in Versen trübe lamentierst,

dass du allein bar jeder Wonne

ganz unbehaust erleidest Qual

und fern dem warmen Licht der Sonne

bist heimatlos transzendental.

 

Dein Jammern bringt mich nur zum Lachen,

du scheinst mir übermenschlich nicht,

du kannst ja nicht mal Feuer machen

und siehst dich als der Flamme Licht!

Mit Hohn und Spott mag ich nicht geizen:

Kannst dein Zuhause nicht mal heizen!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sorgen

 

Ahnung mag in dunkler Nacht uns treiben,

dass wir nicht auf Ewig als die Blinden

suchend und im Trüben tastend bleiben,

sondern doch hinaus ans Licht noch finden.

 

Sorgen unsern Drang bisweilen lähmen,

ob nicht Übles sich im Licht mag zeigen,

Ungeheuer dort zum Vorschein kämen,

die die Fantasie noch übersteigen.

 

Harmlos noch erscheinen diese Sorgen

gegen die, die gar viel schwerer wiegen,

ob im Trüben überhaupt verborgen

Dinge, die wir ahnen, für uns liegen.

 

Tönt der Wecker dann am frühen Morgen,

wirken albern diese schweren Sorgen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Haus des Seins

 

Da Philosophen es so sehen,

dass Sprache sei das Haus des Seins,

so scheint mir, da hinein zu gehen,

recht simpel wie das Einmaleins.

 

Doch kann kein Sein ich da erkennen.

Hier zeigt sich nichts, schon gar nicht klar,

kann, wo ich bin, nicht einmal nennen,

dies Haus scheint mir recht sonderbar.

 

Ich muss mit vagen und mit wirren

Begriffen, weisend nicht wohin,

durch’s Labyrinth der Sprache irren,

und keine Richtung macht da Sinn.

 

Und dennoch wähnt der Intellekt,

dass irgendwas sei hier versteckt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Standortzweifel

 

Bin ich ganz oben jetzt wohl unterm Dach,

da Treppen hier allein nach unten führen?

Darüber denk’ ich oben oftmals nach,

doch Ungewissheit kann ich nur verspüren.

 

Wenn weiter oben kein Geschoss mehr ist,

so kann ins Nichts ja keine Treppe gehen,

so dass man sie gewöhnlich nicht vermisst,

was simpel scheint und jeder mag verstehen.

 

Und doch vermag ich sicher nicht zu sein,

mich wirklich gänzlich oben zu befinden;

und sei der Zweifel daran noch so klein,

ich kann methodisch ihn nicht überwinden:

 

Weil keine Treppen dort nach oben geh’n,

fehlt mir der Weg, um einfach nachzuseh’n.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Freies Schaffen

 

Man tut so vieles ungern, weil man muss,

fühlt fremdbestimmt sich, muss darunter leiden

und solche Zwänge sorgen für Verdruss,

wie gerne möchten solches Tun wir meiden.

 

Ganz anders, wenn uns Äußeres nicht zwingt,

wenn wir im freien Spiele können wählen.

Zufriedenheit im Schaffen so gelingt,

solch Werke uns als selbstbestimmt dann zählen.

 

Auf diese richten wir das Augenmerk,

narzisstisch uns in ihnen zu erkennen

als unsres Geistes und der Hände Werk,

und lassen andre gern uns Meister nennen.

 

Wie viel der Freiheit diesem Spiel noch bleibt,

wenn letztlich Selbstverliebtheit dazu treibt?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Logik

 

Die Logik ist ein schönes Spiel

von absoluter Klarheit.

Doch taugt sie in der Welt nicht viel,

zu klären, was ist Wahrheit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zur Hermeneutik

 

Verstehen sich im Kreise dreht,

was noch versteckt liegt hier im Keim.

Du merkst erst gleich, worum es geht:

dass darin angelegt der Reim.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Digitale Hermeneutik

 

Ein Bit allein nicht wichtig ist,

man darf’s nicht überschätzen.

Denn wenn es fehlt, wird’s kaum vermisst,

man kann problemlos es ersetzen.

 

Und doch es wäre grundverkehrt,

darum für sinnlos es zu halten.

Nur muss es seinen Stellenwert

mit vielen anderen entfalten.

 

Alleine macht es wenig Sinn,

im Datenbus umher zu schwimmen.

Es muss bei diesem Her und Hin

der Bits die Reihenfolge stimmen.

 

Allein, daraus vielleicht erhellt,

kein Bit ist Nabel dieser Welt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sinnsuche

 

Mancher ständig sucht nach Sinn.

Gut, dass ich kein solcher bin.

Hätte sonst in dieser Welt

vieles nicht, was mir gefällt.

 

Machte mir vor allem Sorgen,

dass den Sinn ich fände morgen.

Könnt’s nicht positiv verbuchen:

Wonach sollt’ ich dann wohl suchen?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Willensfreiheit

 

Als ob an höchster Stelle thronte

ein Ich, das frei Gedanken lenkt,

und dies bewusst, ist das gewohnte

Modell von dem, wie’s in uns denkt.

 

Für alles, was wir bisher machten,

wir hielten uns als Arbeitspferd,

als Werkzeug nur, mit dem wir dachten,

das Hirn. Doch jetzt scheint’s umgekehrt:

 

Als Werkzeug dien’ ich, es zu nähren,

auf dass es werkelt, mein Gehirn,

ganz ohne sich um mich zu scheren,

dort hinter meiner Denkerstirn.

 

An Einfluss ist mir nichts geblieben.

Selbst dies Gedicht hat es geschrieben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zum Stellenwert des sprachlichen Zeichens

 

Wir können nur korrekt erkennen,

was wir mit Sprache können nennen.

Doch immer öfter – wie gemein –

mir fallen Wörter nicht mehr ein.

Und dennoch kann Erkenntnis glücken,

weil klar begrenzt sind diese Lücken.

Nur muss ich eines akzeptieren:

Ich kann so kaum kommunizieren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zur Religion

 

Ins Jenseits Religion die Wahrheit setzt,

was leichter ist, als diesseits sie zu suchen.

Wer gegen diese Wahrheit ist, der hetzt,

und die sie haben, dürfen ihn verfluchen.

Wer solche Wahrheit hütet militant,

kann fordern der, dass andre tolerant?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gartenethik

 

In der Regenwassertonne

- lustig in dem Stadium -

tummeln sie sich in der Sonne,

wirbeln wild im Wasser rum.

 

Sicher ist das kein Verbrechen,

schaden mir die Spiele nicht.

Dass als Mücke sie dann stechen,

das verändert meine Sicht.

 

Werde sie darum nicht missen,

wenn ich mit dem Wasser gieß,

quäle auch nicht mein Gewissen

und ich fühle mich nicht mies.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kälte

 

So grau und immer kälter scheint die Welt,

dass nichts dich lädt hier länger zu verweilen,

und nichts, das warm dich und geborgen hält,

die Kälte lässt von Ort zu Ort dich eilen.

 

Du findest nirgends einen festen Halt,

fühlst nirgends heimisch dich und aufgehoben,

bis tief ins Innerste fühlst du dich kalt,

von Eisgeflecht schon ganz und gar durchwoben.

 

Kein lieber Mensch nimmt dich in seinen Arm,

erbarmt sich deiner, der schon fast erfroren,

und hält dich fest in seinen Armen warm,

allein gelassen fühlst du dich verloren.

 

Und niemand sagt dir, der du übel leidest,

dass Winter ist und du dich falsch nur kleidest.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Beinahe Liebeslyrik

Beinahe Liebeslyrik

 

 

 

 

 

Misslungen

 

Nacht für Nacht für Stunden schlief ich nicht,

Der Verse Silben musst’ ich zählen,

Endlos mühevoll für das Gedicht

Die rechten Worte wollt’ ich wählen.

 

Wollt’ nicht einfach sagen: Hab’ dich gern,

Und auch nicht, dass ich dich sehr liebe.

Ersteres blieb’ wirklich viel zu fern,

Zu nah und platt das and’re bliebe.

 

Schwebend zwischen Nähe und Distanz,

Wollt’ Worte ich geschickt platzieren,

Sprachlich sicher haltend die Balance,

Mocht’ hin und her nicht oszillieren.

 

Finden konnt’ ich nicht den rechten Ton,

So sollte ich wohl besser schweigen.

Arg missglückt ist meine Intention,

Dir meine Liebe so zu zeigen.

 

Klar zeigt dir ein Blick auf mein Gedicht,

Dass mein Bemühen ist misslungen.

Abgekämpft belegt dir mein Gesicht,

Wie endlos ich darum gerungen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wieder misslungen

 

Wollt’ schreiben ein Gedicht für dich,

für dich allein, mal nicht für mich,

und nicht schon wieder wie in vielen

nur eitel mit der Sprache spielen,

um hinterher dann selbstverliebt

zu warten, dass es Beifall gibt.

 

Wollt’ dir mal ganz persönlich schreiben,

nicht Sprachartistik nur betreiben,

ganz offen reden von Gefühl,

und nicht Pointen klar und kühl

berechnen und in Versform bringen,

um klug und geistreich so zu klingen.

 

Doch zeigt sich nun dir zum Verdruss,

dass ich da wohl noch üben muss.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eros’ Pfeile

 

Dass Eros seine Pfeile schießt,

ist kaum wohl zu vermeiden.

Wer nicht getroffen, dies genießt,

der andere muss leiden.

 

Solch’ Wunde dir Probleme bringt.

Du musst dir raten lassen:

Gib Acht, dass keinem es gelingt,

sie unsanft anzufassen.

 

Solang die Wunde offen ist,

musst du sie gut verstecken,

weil du jetzt leicht verletzbar bist

genau an diesem Flecken.

 

Wenn dann die Narbe endlich heil,

bleibt letztlich nur zu hoffen,

dass du wirst von des Eros’ Pfeil

nicht abermals getroffen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Physikalisches

 

Wenn früher unsre Blicke sich berührten,

auch wenn es nebenbei nur ist passiert,

so hat, als ob wir tausend Blitze spürten,

uns dieser Blickkontakt elektrisiert.

Und heute ist’s, als ob mit Blicken träf’ ich

dich wohlbeschützt von Faraday im Käfig.

 

 

 

 

 

 

Druck

Erklärbar

Druck

 

Erklärbar wohl kaum mit Naturwissenschaften:

Als ob hier der Mensch der Physik widerspräche,

da leichte Berührung, kaum spürbar, ganz sacht,

so heftigen Eindruck bisweilen gar macht,

dass lange er bleibt im Gedächtnis noch haften,

scheint Druck doch nicht einfach die Kraft nur pro Fläche.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wolkenlos

 

Vergessen längst ist ihr Gesicht,

nach dieser langen Zeit kein Wunder,

und selbst den Namen weiß ich nicht,

verloren wie manch’ alter Plunder.

 

Wobei mich das nicht ernsthaft quält.

Scheint eines da doch deutlich schlimmer:

Dass mir die weiße Wolke[7] fehlt,

bereitet Kummer mir für immer.

 

Wie soll ich so ihr ein Gedicht

wie Bertolt Brecht aus Liebe schreiben,

wo keiner Wolke weißes Licht

will in Erinnerung mir bleiben?

 

So ist’s, als sei rein nichts geschehen,

weil keine Wolke ich gesehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Romantische Erfüllungsscheu

 

Oft denke ich an dich und gerne,

gewiss doch weil ich dich sehr mag.

Doch denk’ an dich ich aus der Ferne,

weil ich mich nicht zu nähern wag.

 

Zu nähern mich, sollt’ ich wohl lassen:

Zerspringen könnte sprödes Glück

bei dem Versuch, es fest zu fassen,

und Splitter blieben nur zurück.

 

Den Splittern könnte kaum gelingen,

dein mir so wohl vertrautes Bild

je unversehrt zurückzubringen,

das mir so fern, doch so viel gilt.

 

Was hier geschildert, ist nicht neu:

romantische Erfüllungsscheu.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ohne Inhalt

Ohne Inhalt

 

 

 

 

 

Kennst du den Ort, wo leere Worte blühn,

Vergeblich Leser sich um Sinn bemühn,

Mit viel Zynismus eng gepaart,

In jedem Vers das Nichts dich narrt?

Dahin! Dahin

Musst du nicht weit mehr, o mein Leser, ziehn.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenn Wichtiges ich hab’ zu sagen,

Bedeutsames mich wieder drängt

und ein Gedanke schon seit Tagen

mich ständig an den Schreibtisch lenkt,

 

dann sollte es mir doch gelingen,

gut formuliert, formal korrekt

das endlich auf’s Papier zu zwingen,

was sich bislang im Kopf versteckt.

 

Der Sorge bin ich dann enthoben

und fühle mich sogleich beglückt,

hab’ einfach ins Gedicht geschoben,

was mich zuvor noch hat bedrückt.

 

Und auch der Leser wird mich loben,

wie der Gedanke schön und klar

auf dem Papier ist aufgehoben:

ganz ohne Inhalt, doch wie wahr!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gefallen willst du mit Gedichten,

mit deiner Worte eitel Spiel,

an jeden möchtest du sie richten

und Beifall hören möglichst viel.

 

Doch willst du allen so gefallen,

bleibt dir als Inhalt nicht mehr viel.

Am Ende wirst du eines schnallen:

Nur leer gefällt der Worte Spiel.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Nichts willst du erneut beschwören,

willst Verse machen ohne Sinn,

die nur mit schönem Klang betören,

doch inhaltlich sei nichts darin.

 

Gib Acht, denn auf so viele Arten

in Sprache sich Gehalt versteckt,

und ohne dass wir es erwarten,

wird plötzlich doch ein Sinn erweckt.

 

Ganz ungewollt könnt so geschehen,

dass im vermeintlich leeren Vers

doch sinnerfüllte Sätze stehen

und schlimmer noch und ganz pervers:

Du fändest gar an diesem Ort

das Eichendorff’sche Zauberwort.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich will nicht jammern und nicht klagen,

nicht nörgeln und nicht meckern bloß,

und Übles hier zusammentragen,

im Unrat wühlen gnadenlos.

 

Auf Positives will ich blicken.

Mit dem, was gut und schön und wahr,

will ich des Lesers Geist erquicken,

gefasst in Verse rein und klar.

 

So oft ich auch den Blick lass schweifen,

für mein Gedicht kann ich nichts seh’n.

Und mit der Zeit muss ich begreifen

und mir zuletzt doch eingesteh’n:

 

Was ich geplant, ist viel zu schwer

und mein Gedicht bleibt wieder leer.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es ist bekannt längst weit und breit,

doch wird’s schon mal vergessen:

Die Sprache ist des Geistes Kleid

und sei ihm angemessen.

 

Wählst du als Form dir das Sonett,

so engt das ein natürlich,

du zwängst den Geist in ein Korsett,

dass er gewinnt figürlich.

 

Zwar schneiderst du an dem Gedicht

schon lang’ und mühst dich täglich,

doch was du machst, gefällt dir nicht,

was du erreichst, ist kläglich.

 

Wie beim Korsett, so scheint dir dann,

kommt’s beim Sonett auf Inhalt an.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Noch kannst vom Inhalt du nichts ahnen,

denn wunderschön ist er verpackt,

doch unheilvoll schon mag dir schwanen,

dass sinnlos ist dies Artefakt.

 

Die Oberfläche bald verlassend,

dringst du ins Inn’re weiter vor,

doch dessen Leere schnell erfassend,

erkennst du alles als Dekor.

 

Den Kern hast du ganz schnell ermessen,

die Oberfläche fasziniert.

Was innen ist, kannst du vergessen,

entscheidend ist, wie es verziert.

 

Zur Oberfläche vorgedrungen,

erscheint so manches erst gelungen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Rede Sinn ist oft nicht leicht,

erst recht nicht deutlich zu erfassen.

Versuchst du’s, merkst du, er entweicht

und will sich nicht ergreifen lassen.

 

Je näher du ihm kommen magst,

je ferner will er dir entschwinden.

Ob du auch jammerst oder klagst,

es kostet Mühe, ihn zu finden.

 

Ihm ist die Sprache Hüterin,

in ihr allein ist er zu fassen.

Doch jeder nicht, der sucht nach Sinn,

wird dahin von ihr durchgelassen.

 

Selbst dies Gedicht, welch arge List,

könnt’ gut versteckt gar Sinn bewahren.

Und wenn zuletzt gewiss nur ist:

Die Mühe konntest du dir sparen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Humboldt hat es schon gesehen:

Eingesperrt in einem Buch

Sprache lang kann überstehen,

balsamiert im Leichentuch.

 

Öffnest du des Buches Seiten,

wickelst aus dem Tuch sie, dann

weckst du mit ihr alte Zeiten

und du löst den Zauberbann.

 

Was bislang nur tote Masse,

plötzlich wieder Sinn gebiert,

und das vorher farblos blasse

Wort scheint leuchtend bunt verziert.

 

Hier jedoch das Wort bleibt öde,

fad und leer, so findest du,

ohne Sinn, ganz einfach blöde,

und du klappst das Buch schnell zu.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wovon man nicht sprechen kann,

darüber muss man schweigen“,

gilt, solang man glaubt daran,

dass Sprache Welt mag zeigen.

 

Darum, lieber Wittgenstein,

du musstest nochmals schreiben,

sahst letztendlich dann doch ein,

dass Spielchen wir nur treiben.

 

Leere Lyrik zeigt nun spät,

dass du mit deinen Thesen

hast mit Sensibilität

berührt der Sprache Wesen,

die du so früh schon Spiel genannt,

was hier du hättest leicht erkannt.


         


[1]             Auf Flügeln des Gesanges,

                Herzliebchen, trag ich dich fort,

                Fort nach den Fluren des Ganges,

                Dort weiß ich den schönsten Ort.

 

                Dort liegt ein rotblühender Garten

                im stillen Mondenschein;

                Die Lotosblumen erwarten

                Ihr trautes Schwesterlein.

 

                Die Veilchen kichern und kosen

                Und schaun nach den Sternen empor;

                Heimlich erzählen die Rosen

                Sich duftende Märchen ins Ohr.

 

                Es hüpfen herbei und lauschen

                Die frommen, klugen Gazelln;

                Und in der Ferne rauschen

                Des heiligen Stromes Welln.

 

                Dort wollen wir niedersinken

                Unter dem Palmenbaum

                Und Liebe und Ruhe trinken

                Und träumen seligen Traum.

 

                Heinrich Heine

 

 

[2]             Dornburg, September 1828

 

                Früh, wenn Tal, Gebirg und Garten

                Nebelschleiern sich enthüllen,

                Und dem sehnlichsten Erwarten

                Blumenkelche bunt sich füllen;

 

                Wenn der Äther, Wolken tragend,

                Mit dem klaren Tage streitet,

                Und ein Ostwind, sie verjagend,

                Blaue Sonnenbahn bereitet,

 

                Dankst du dann, am Blick dich weidend,

                Reiner Brust der Großen , Holden,

                Wird die Sonne, rötlich scheidend,

                Rings den Horizont vergolden.

 

                               Johann Wolfgang Goethe

 

 

[3]                                        Herbsttag

 

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.

Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,

       und auf den Fluren laß die Winde los.

 

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;

    gib ihnen noch zwei südlichere Tage,

    dränge sie zur Vollendung hin und jage

    die letzte Süße in den schweren Wein.

 

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.

       Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,

     wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben

     und wird in den Alleen hin und her

     unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

 

                                                                              Rainer Maria Rilke

 

 

[4]              Das trunkene Lied

 

                O Mensch! Gib acht!

                Was spricht die tiefe Mitternacht?

                "Ich schlief, ich schlief -,

                Aus tiefem Traum bin ich erwacht: -

                Die Welt ist tief,

                Und tiefer als der Tag gedacht.

                Tief ist ihr Weh -,

                Lust - tiefer noch als Herzeleid:

                Weh spricht: Vergeh!

                Doch alle Lust will Ewigkeit -,

                Will tiefe, tiefe Ewigkeit!"

 

                               Friedrich Nietzsche

 

 

[5] Wir werden uns gewisser Vorstellungen bewußt, die nicht von uns abhängen; andere glauben, wir wenigstens hingen von uns ab; wo ist die Grenze? Wir kennen nur allein die Existenz unserer Empfindungen, Vorstellungen und Gedanken. Es denkt, sollte man sagen, so wie man sagt: es blitzt. Zu sagen cogito, ist schon zu viel, so bald man es durch Ich denke übersetzt. Das Ich anzunehmen, zu postulieren, ist praktisches Bedürfnis.

                [K 76]

[Lichtenberg: [Aus den »Sudelbüchern«]. Deutsche Literatur von Lessing bis Kafka, S. 126513 (vgl. Lichtenberg-SuB Bd. 2, S. 412)]

 

 

[6]              Vereinsamt

                Die Krähen schrein

                und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:

                bald wird es schnein, -

                wohl dem, der jetzt noch - Heimat hat!

 

                Nun stehst du starr,

                schaust rückwärts, ach! wie lange schon!

                Was bist du Narr

                vor Winters in die Welt entflohn?

 

                Die Welt - ein Tor

                zu tausend Wüsten stumm und kalt!

                Wer das verlor,

                was du verlorst, macht nirgends halt.

 

                Nun stehst du bleich,

                zur Winter-Wanderschaft verflucht,

                dem Rauche gleich,

                der stets nach kältern Himmeln sucht.

 

                Flieg, Vogel, schnarr

                dein Lied im Wüstenvogel-Ton! -

                Versteck, du Narr,

                dein blutend Herz in Eis und Hohn!

 

                Die Krähen schrein

                und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:

                bald wird es schnein, -

                weh dem, der keine Heimat hat!

 

                               Friedrich Nietzsche

 

 

                Ecce Homo

 

                Ja, ich weiß, woher ich stamme!

                Ungesättigt gleich der Flamme

                Glühe und verzehr ich mich.

                Licht wird alles, was ich fasse,

                Kohle alles, was ich lasse:

                Flamme bin ich sicherlich!

 

                               Friedrich Nietzsche

 

 

[7]              Vgl. Brecht: Erinnerung an die Marie A.